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Zusammenfassung des Meetings mit Frau Prof. Dr. Pfeiffer vom 03.03.2026

  • Autorenbild: Christoph Zorn
    Christoph Zorn
  • vor 48 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

📋 𝗭𝗨𝗦𝗔𝗠𝗠𝗘𝗡𝗙𝗔𝗦𝗦𝗨𝗡𝗚

Misophonie-Selbsthilfegruppe Heidelberg

Gastvortrag & Frage-Antwort-Runde

Professorin für Klinische Psychologie

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

📅 3. März 2026 | 🖥️ Präsenz + Google Meet | ⏱️ ca. 59 Min.

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Am 3. März 2026 durften wir 𝗣𝗿𝗼𝗳. 𝗗𝗿. 𝗘𝗹𝗶𝘀𝗮 𝗣𝗳𝗲𝗶𝗳𝗳𝗲𝗿 als virtuelle Gastexpertin in unserer Selbsthilfegruppe begrüßen. In einer knapp einstündigen Frage-Antwort-Runde beantwortete sie vorab eingereichte sowie spontane Fragen zum aktuellen Forschungsstand, zu Ursachen, Diagnostik, Therapieansätzen und dem Umgang mit Misophonie im Alltag.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

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🧬 𝗨𝗿𝘀𝗮𝗰𝗵𝗲𝗻: 𝗚𝗲𝗻𝗲𝘁𝗶𝗸 𝘃𝘀. 𝗧𝗿𝗮𝘂𝗺𝗮

▸ Misophonie hat eine multifaktorielle Genese – es gibt nie nur einen einzigen Auslöser.

▸ Genetische Korrelate wurden identifiziert (auch Überschneidungen mit Tinnitus), aber kein einzelnes „Misophonie-Gen" ist bekannt.

▸ Eine Studie von Guetta et al. (Duke Center) zeigt: Alltagsstress korreliert stärker mit Misophonie als traumatische Erlebnisse. Adverse Childhood Experiences (ACE) zeigten keinen signifikanten Zusammenhang.

▸ Komorbiditäten: Starke Verbindung mit Depression, Ängsten, Zwängen und PTBS; weniger mit ADHS; hohe Überschneidung mit Autismus-Spektrum-Störung.

🧪 𝗘𝗽𝗶𝗴𝗲𝗻𝗲𝘁𝗶𝗸 𝘂𝗻𝗱 𝗪𝗮𝗿𝗿𝗶𝗼𝗿-𝗚𝗲𝗻 (𝗠𝗔𝗢𝗔)

▸ Das MAOA-Gen („Warrior Gene") beeinflusst Neurotransmitter (Dopamin, Serotonin), die mit Impulskontrolle und Emotionsregulation zusammenhängen.

▸ Der Zusammenhang mit aggressivem Verhalten wird kontrovers diskutiert, ist aber gut belegt.

▸ Zur Misophonie gibt es hier noch keine spezifischen Studien – insbesondere nicht in Deutschland.

⚡ 𝗦𝘁𝗿𝗲𝘀𝘀, 𝗞𝗼𝗻𝘁𝗲𝘅𝘁 𝘂𝗻𝗱 𝗧𝗿𝗶𝗴𝗴𝗲𝗿𝘃𝗲𝗿𝘀𝘁𝗮̈𝗿𝗸𝘂𝗻𝗴

▸ Der Kontext eines Triggers (Beziehung zur Person, Situation) ist entscheidender als das Geräusch selbst.

▸ Nahestehende Personen lösen stärkere Reaktionen aus, da der zwischenmenschliche Kontext die Assoziation verstärkt.

▸ Trigger generalisieren sich über die Zeit (ähnlich wie bei Angststörungen) und führen zu einer Sensitivierung des Nervensystems.

▸ Auch nachts bleibt das Gehirn empfänglich für emotional besetzte Reize.

🐾 𝗠𝗲𝗻𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝘃𝘀. 𝗧𝗶𝗲𝗿𝗲 𝗮𝗹𝘀 𝗧𝗿𝗶𝗴𝗴𝗲𝗿

▸ Studie von Siepsiak et al.: Misophoniker bewerten grundsätzlich alle Geräusche negativer. Wenn sie aber wussten, dass ein Tier das Geräusch verursacht, war die Reaktion schwächer.

▸ Der Kontext und die Assoziation (Mensch = möglicher Konflikt, Tier = eher positiv/neutral) erklären den Unterschied.

👁️ 𝗩𝗶𝘀𝘂𝗲𝗹𝗹𝗲 𝗧𝗿𝗶𝗴𝗴𝗲𝗿 (𝗠𝗶𝘀𝗼𝗸𝗶𝗻𝗲𝘀𝗶𝗲)

▸ Misophonie umfasst nicht nur auditive, sondern auch visuelle Trigger. Manche Betroffene haben hauptsächlich visuelle Trigger.

▸ Die Antizipation eines Triggers (z. B. sehen, dass jemand Kaugummi kaut) kann bereits eine volle misophonische Reaktion auslösen – ein klassischer Konditionierungsmechanismus.

💊 𝗧𝗵𝗲𝗿𝗮𝗽𝗶𝗲 𝘂𝗻𝗱 𝗕𝗲𝗵𝗮𝗻𝗱𝗹𝘂𝗻𝗴

▸ Klassische Expositionstherapie (wie bei Phobien) funktioniert bei Misophonie nicht, da keine Gewöhnung eintritt.

▸ Erfolgreicher Ansatz: Verhaltenstherapeutische Entkopplung von Trigger und Reaktion durch Entspannungstechniken und kognitive Umstrukturierung (z. B. positive Imaginationen: statt „Papa schmatzt" → „niedlicher Panda frisst Bambus").

▸ EMDR zeigt erste vielversprechende Hinweise in Fallstudien.

▸ Tinnitus Retraining Therapy (Jastreboff): Positive Effekte berichtet, aber nicht mit randomisierten kontrollierten Studien belegt.

▸ Es gibt aktuell kein Medikament gegen Misophonie.

▸ Spezialisierte, evidenzbasierte Behandlung gibt es derzeit nur an der Uni Eichstätt-Ingolstadt und der Uni Bielefeld.

📋 𝗗𝗶𝗮𝗴𝗻𝗼𝘀𝘁𝗶𝗸 𝘂𝗻𝗱 𝗞𝗹𝗮𝘀𝘀𝗶𝗳𝗶𝗸𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻

▸ Misophonie ist noch keine offizielle Diagnose (nicht in ICD-11 enthalten). Ein Vorschlag liegt der Klassifikationskommission vor.

▸ Ohne offizielle Diagnose ist keine direkte Krankschreibung wegen Misophonie möglich; als Workaround können Begleitsymptome (Depression, Angst) diagnostiziert werden.

▸ Prof. Pfeiffer und Team haben ein klinisches Interview für Kinder und Jugendliche entwickelt; das Erwachseneninterview wurde ins Deutsche übersetzt.

👨‍👩‍👧 𝗣𝗿𝗮̈𝘃𝗲𝗻𝘁𝗶𝗼𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝗙𝗮𝗺𝗶𝗹𝗶𝗲

▸ Ob Misophonie vererbt wird, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.

▸ Kinder lernen am Modell: Offene Kommunikation in der Familie ist essenziell, um Schuldzuweisungen zu vermeiden.

▸ Empfehlung: Trigger nicht ausschließlich vermeiden, sondern das Umfeld sensibilisieren und gemeinsam Alternativen finden.

▸ Vermeidung (z. B. Waldhütten-Retreat) hilft kurzfristig, verstärkt aber langfristig die Assoziation und führt zu sozialer Isolation.

🌿 𝗛𝗼𝗰𝗵𝘀𝗲𝗻𝘀𝗶𝗯𝗶𝗹𝗶𝘁𝗮̈𝘁 𝘂𝗻𝗱 𝗠𝗶𝘀𝗼𝗽𝗵𝗼𝗻𝗶𝗲

▸ Viele hochsensible Kinder und Jugendliche kommen in Prof. Pfeiffers Sprechstunde. Hochsensibilität ist jedoch kein klar definiertes klinisches Konzept und wird kontrovers diskutiert.

▸ Misophonie ist spezifischer: Es geht um bestimmte Geräusche und visuelle Reize mit spezifischen Reaktionen, nicht um eine allgemeine Reizempfindlichkeit.

▸ Es gibt keine Studien zum Zusammenhang. Es gibt hingegen Studien zur Überschneidung mit Autismus-Spektrum-Störung.

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🔭 𝗔𝘂𝘀𝗯𝗹𝗶𝗰𝗸 𝘂𝗻𝗱 𝗩𝗲𝗿𝗻𝗲𝘁𝘇𝘂𝗻𝗴

Prof. Pfeiffer plant eine Behandlungsstudie für Kinder und Jugendliche (mit Kapazitäten auch für Erwachsene). Sie hat eine große bevölkerungsrepräsentative Umfrage zur Misophonie in Deutschland abgeschlossen. Christoph Zorn wird als Beirat und Experte mit Betroffenenperspektive in ihre Forschungsprojekte eingebunden. Beide werden voraussichtlich auf der Misophonie-Konvention in Hannover im Oktober 2026 vertreten sein, wo auch die Zusammenarbeit mit soQuiet weiter vertieft werden soll. Prof. Pfeiffer bot an, gerne erneut in die Gruppe zu kommen, z. B. im Sommer oder Herbst 2026.

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🙏 Vielen Dank an Prof. Dr. Pfeiffer für den wertvollen Austausch und die Zeit, die sie sich für unsere Gruppe genommen hat!

 
 
 

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